Manche Technologien kommen mit einem so großen Versprechen daher, dass man fast misstrauisch wird. Classified gehört dazu. Den Umwerfer durch eine Hinterradnabe mit zwei Gängen ersetzen, die Optik eines Einfach-Antriebs bewahren und trotzdem eine echte Übersetzungsbandbreite behalten: Die Idee klingt simpel. In der Praxis rührt sie an eines der sensibelsten Themen des modernen Rennrads.
Der Einfach-Antrieb setzt sich in Performance-Aufbauten langsam durch. Er überzeugt mit sauberer Kettenlinie, Einfachheit, potenzieller Aerodynamik und sehr aufgeräumter Optik. Doch er stellt immer dieselbe harte Frage: Wie viel Einbuße an Vielseitigkeit will man akzeptieren?
Stärken:
- Extrem flüssige Schaltvorgänge, auch unter Last möglich
- Sehr natürliche Integration mit Shimano Di2
- Erhält den Einfach-Charakter bei echter Vielseitigkeit
Verbesserungswürdig
- Ladeanschluss weiterhin klassisches USB
- Hohe Upgrade-Kosten außerhalb eines Komplettaufbaus
Diese Technologie habe ich vor zwei Jahren bereits im Gravel-Einsatz getestet – über mehr als 4.000 km – und schon damals war das Produkt sehr ausgereift. Dieser neue Test interessierte mich aus einem anderen Grund: zu sehen, wie sich Classified auf einem sehr aerodynamischen Rennrad schlägt, in einer deutlich radikaleren Konfiguration.
Das Test-Setup ist nicht zufällig gewählt: ein Merida Reacto One mit Classified PowerShift, aufgebaut zum Schnellfahren. Die Art von Rad, bei der jede technische Entscheidung der Geschwindigkeit dienen muss – oder sie zumindest nicht ausbremsen darf.
Zum detaillierten Funktionsprinzip werde ich hier nicht das komplette Technik-Dossier wiederholen. Das Grundprinzip ist bereits in meinem ersten Test des Classified PowerShift im Gravel erklärt. Die Kurzfassung: Die Hinterradnabe integriert einen Zweigang-Mechanismus, dessen Untersetzung von 0,686 die Nutzung eines kleinen Kettenblatts simuliert.
Eine Shimano-Di2-Integration, die vieles verändert
Beim ersten Test lag einer der kleinen Kritikpunkte an der Bedienung. Das System funktionierte gut, aber man musste eine eigene Taste benutzen, die im Lenkerbogen platziert war. Nichts Dramatisches, aber ein zusätzlicher mentaler Schritt. Auf einem Performance-Rennrad zählt so ein Detail schnell.
Diesmal ist die Änderung deutlich: Mit Shimano Di2 integriert sich Classified dank der Partnerschaft der beiden Marken direkt in die Schalthebel. Der Classified-Gangwechsel wird so natürlich wie ein klassischer Wechsel des Kettenblatts.
Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Weiterentwicklungen des Systems. Nicht weil Classified seine Technologie grundlegend ändert, sondern weil es im Gebrauch noch stärker in den Hintergrund tritt. Man denkt nicht mehr an eine spezielle Nabe. Man drückt, es schaltet.
Vorläufig betrifft diese Integration Shimano. Nicht SRAM. Das ist eine echte Einschränkung, wenn man bereits im AXS-Ökosystem unterwegs ist oder diese sehr integrierte Bedienlogik beibehalten möchte. Für einen Rennrad-Aufbau mit Shimano Di2 ist es jedoch aktuell eine der saubersten Möglichkeiten, im Einfach-Antrieb zu fahren, ohne die üblichen Kompromisse zu akzeptieren.
Die Nabe tritt in den Hintergrund - vor allem mit den richtigen Laufrädern
Bei meinem vorherigen Gravel-Test war die Classified-Nabe in einem hauseigenen Laufradsatz der Marke verbaut. Die Carbon-Felge war in Ordnung, das Gesamtverhalten ebenfalls, aber das Set hat das Rad nicht wirklich beflügelt. Und weil die Technologie in der Hinterradnabe konzentriert ist, habe ich diese zusätzliche Masse bei manchen langsamen Antritten gelegentlich gespürt.
Hier war das System in DT Swiss ARC 1100 integriert. Das ist kein Detail. Diese Laufräder gehören zu den High-End-Referenzen im Aero-Segment: steif, schnell, für ihre Bauhöhe ziemlich leicht und vor allem in der Lage, dem Rad spürbaren Nachdruck zu verleihen.
Ergebnis: Die Präsenz der Classified-Nabe wird nahezu transparent. Ich behaupte nicht, dass die Masse nicht mehr existiert. Technisch ist sie weiterhin da. Doch in dieser Konfiguration stört sie das Fahrverhalten nicht. Antritte bleiben kräftig, das Reacto behält seinen Charakter, und das System vermittelt nie den Eindruck, dass hinten etwas mitschleift.
Das ist wichtig, denn Classified ist nicht nur ein Antrieb. Es bringt auch eine Einschränkung bei der Laufradwahl mit sich. Ist die Integration mittelmäßig, kann man den Nutzen des Systems schmälern. Mit einem Laufrad auf dem Niveau einer ARC 1100 gewinnt das Produkt eine andere Dimension.
Auf der Straße ist der Vorteil sehr konkret
Ich bin eher Befürworter des Einfach-Antriebs, auch auf der Straße, weil meine Region gut dazu passt. Viele flache, schnelle Ausfahrten, wenige lange Anstiege und der echte Wunsch, das Rad zu vereinfachen. Aber sobald ich die Ausfahrten in den Hügellandschaften der Vendée verlängere, wird es schnell anstrengend, ständig auf dem großen Blatt zu fahren.
Genau hier spielt Classified seine Stärke aus. Optisch und mechanisch bleibt der Aufbau einem Mono sehr nahe, gleichzeitig hat man ein echtes Sicherheitsventil, wenn die Straße anzieht oder die Müdigkeit einsetzt.
Ein Druck auf den Hebel, und die Untersetzung ist aktiv. Das System schaltet sehr schnell, selbst unter Last, und es lässt sich auch im Stand betätigen. Letzterer Punkt wirkt nebensächlich, bis man nach einem Stopp am Anstieg wieder anfahren muss oder vergessen hat, die Übersetzung rechtzeitig anzupassen.
Diese Fähigkeit, den Gang zu wechseln, ohne groß nachzudenken, fühlt sich anfangs ungewohnt an. Man kennt die klassischen Grenzen des Umwerfers: etwas Druck rausnehmen, vorwegnehmen, gelegentlich eine Mini-Zögerung akzeptieren. Hier geht der Wechsel deutlich direkter vonstatten. Das ist wahrscheinlich das, was Classified besser kann als jede herkömmliche Zweifach-Kurbel.
Das System verwandelt ein Aero-Rennrad nicht in ein Bergziegen-Bike. Das ist nicht das Thema. Aber es ermöglicht, auf der Ebene eine schnelle Konfiguration beizubehalten und trotzdem eine echte Reserve zu haben, wenn das Terrain ungünstiger wird.
Einfach, Zweifach, Classified: Die Wahl wird weniger binär
Die Debatte Einfach gegen Zweifach ist oft falsch aufgezogen. Einfach ist nicht nur eine Frage der Simplizität. Auf der Straße kann es auch für eine aerodynamischere Linie sorgen, weniger exponierte Bauteile, einen visuell aufgeräumteren Antrieb und eine sehr direkte Logik bei der Gangwahl.
Zweifach bleibt unschlagbar für alle, die eine große Bandbreite, feine Abstufungen und eine unmittelbare Anpassung an alle Gelände wollen. Es beruhigt. Man kennt es. Es funktioniert.
Classified schiebt sich zwischen beide. Genau das macht es interessant. Es versucht nicht, eine klassische Zweifach-Kurbel zu imitieren. Es schlägt eine andere Architektur vor: ein einzelnes Kettenblatt vorn, eine Kassette hinten und ein zweiter Gang, der in der Nabe versteckt ist.
Die angegebene Untersetzung von 0,686 entspricht der Idee eines virtuellen kleinen Kettenblatts. Je nach gewähltem Kettenblatt erhält man damit eine Übersetzung, die einem Rennrad-Zweifach-Aufbau sehr nahe kommt, aber ohne Umwerfer. Das lässt zudem echte Freiheit bei der Kassettenwahl, je nach Terrain und Einsatz.
Für einen Fahrer, der sehr häufig schnell unterwegs ist, hauptsächlich auf dem großen Gang, sich aber nicht festfahren will, sobald die Steigung kommt, ist das eine besonders elegante Lösung.
Wirkungsgrad: Zahlen beruhigen, aber das Gefühl zählt ebenfalls
Classified kommuniziert viel über die Effizienz seiner Nabe. Die Marke hat eine numerische und experimentelle Analyse veröffentlicht, die je nach getesteter Leistung und Geschwindigkeit Wirkungsgrade zwischen 99,04 % und 99,25 % im Verhältnis 0,686 und zwischen 99,68 % und 99,88 % im Verhältnis 1:1 ausweist. Das Dokument vergleicht zudem den Wirkungsgrad im 1:1 mit dem einer DT Swiss 240 Nabe, mit Abweichungen unter 0,1 % unter den gemessenen Bedingungen.
Diese Zahlen sollte man für das nehmen, was sie sind: Daten von Classified, auf dem Prüfstand, mit einem präzisen Protokoll. Es ist kein unabhängiger Test eines externen Labors. Aber sie sind detailliert und stimmig mit meinem Eindruck auf der Straße.
Auf der Straße hatte ich nicht das Gefühl von Verlusten oder Trägheit, die man bei einer Nabe mit internem Getriebe befürchten könnte. Im 1:1 bleibt das Rad lebendig. In der Untersetzung verrichtet das System seine Arbeit ohne wahrnehmbare Reibung.
Der reale Wirkungsgrad eines Antriebs hängt auch von Kette, Kassette, Kettenlinie, Pflege und der Wahl der Übersetzungen ab. Genau hier setzt eines der Argumente von Classified an: Indem man häufiger auf einer besseren Kettenlinie fahren kann, kann das System einen Teil der internen Verluste der Nabe kompensieren. Auf dem Rad hatte ich jedenfalls nie den Eindruck, die Technologie bei jedem Pedaltritt bezahlen zu müssen.
Akkulaufzeit ohne Stress, aber altbackenes Laden
Die Akkulaufzeit hat mir keine Probleme bereitet. Das System schaltet nicht ständig durch die Gänge: Es wechselt lediglich zwischen Direktgang und Untersetzung. Auf einer typischen Straßenfahrt bleibt die Anzahl der Betätigungen überschaubar.
Wir sind weit weg von einer elektronischen Komponente, die permanente Aufmerksamkeit verlangt. Das ist beruhigend, besonders bei einem Produkt, das man nach dem Losfahren am liebsten vergessen möchte.
Der eigentliche kleine Kritikpunkt bleibt der Ladeanschluss. Classified setzt noch auf klassisches USB, nicht auf USB-C. Das ist nicht blockierend. Aber auf diesem Technologiestand, im Jahr 2026, wirkt so ein Detail langsam altbacken. Zumal der Rest des Systems einen so fortgeschrittenen Integrationsgrad vermittelt.
Der Hauptnachteil: die Abhängigkeit vom Hinterrad
Classified hat eine strukturelle Grenze: Die Technologie steckt in der Nabe. Wechselt man den Laufradsatz, verliert man das System. Das Rad wird dann wieder zu einem klassischen Einfach-Aufbau, mit all den Grenzen, die das je nach montierter Kassette mit sich bringt.
Für manche Fahrer ist das kein Problem. Ein Rad, ein Laufradsatz, eine feste Konfiguration. Dann ist die Integration logisch. Für andere hingegen, insbesondere jene, die zwischen Trainings- und Rennlaufrädern, unterschiedlichen Profilhöhen oder speziellen Setups wechseln, ist die Einschränkung deutlich relevanter.
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt, den man vor dem Kauf verstehen sollte. Classified ist nicht einfach ein Bauteil, das man so leicht versetzen kann wie einen Umwerfer oder eine Kassette. Es ist ein Ökosystem.
Auch die Kostenfrage gehört zur Gleichung. Nur die Technologie zu kaufen, ist ein großes Upgrade. Aus meiner Sicht ist die interessanteste Option eher ein Komplettaufbau, der von vornherein um das System herum gedacht ist. Classified arbeitet unter anderem mit Merida, Cervélo, Argon 18, Rose, Focus, Ridley oder auch Titici zusammen. Auf solchen Rädern wird die Integration deutlich natürlicher.
Wo Classified auf der Straße am meisten Sinn ergibt
Nach diesem Test sehe ich drei sehr stimmige Einsatzzwecke auf der Straße.
Erstens das moderne Aero-Rad, so wie dieses Reacto One. Ein Aufbau, bei dem Einfach visuell und technisch echte Kohärenz bringt, ohne die Vielseitigkeit zu opfern.
Zweitens das Zeitfahren und der Triathlon. In diesen Disziplinen fährt man die meiste Zeit im großen Gang, mit stabiler Position und der Suche nach maximalem Wirkungsgrad. Aber eine kurze Rampe, eine Wende, Gegenwind oder ein kniffliger Start reichen aus, um eine weichere Übersetzung zu benötigen. Classified passt hervorragend zu diesem Szenario.
Drittens der Fahrer, der Einfach liebt, aber nicht jede wellige Ausfahrt zum Kompromiss machen will. Wer zwischen einem simplen Aufbau und einer wirklich breiten Übersetzungsbandbreite schwankt, findet hier eine ziemlich einzigartige Antwort.
Auch im Gravel bleibt das System natürlich sehr interessant. Doch dieser Straßentest hat mir vor allem anderes bestätigt: Classified ist nicht nur eine Kuriosität für Nischenfahrer. Es ist eine echte moderne Antriebslösung.
Das Wichtigste aus diesem Test
Classified PowerShift ist nicht perfekt. Das System ist in der Integration weiterhin teuer, es bindet an das Hinterrad, die vollständige Integration ist heute vor allem mit Shimano Di2 interessant, und der Ladeanschluss dürfte endlich auf USB-C umstellen.
Im Einsatz ist das Maß an Geschmeidigkeit jedoch beeindruckend. Der Gangwechsel ist schnell, unter Last möglich, im Stand möglich und am laufenden Rad nahezu unsichtbar. Die Nabe verfälscht das Fahrverhalten des Rads nicht.
Schon nach meinem Gravel-Test hielt ich sehr viel von Classified. Diese Straßen-Version überzeugt mich noch mehr. Das System beantwortet eine echte Frage des modernen Rads: Wie nutzt man die Vorteile des Einfach-Antriebs, ohne sich die Türen des Zweifach-Aufbaus zu verschließen?
Die Antwort passt nicht für alle, und nicht in jedes Budget. Technologisch jedoch gehört Classified zu den seriösesten Innovationen, die der Fahrrad-Antrieb in den letzten Jahren gesehen hat.