GRAVEL
ROAD

Test Scott Addict Gravel 2027: Fahrspaß vor allem

Der neue Scott Addict Gravel kommt sechs Jahre nach der vorherigen Generation. Und schon auf den ersten Metern wird klar: Scott hat nicht versucht, ein race-orientiertes Gravelbike als Allrounder zu verkleiden. Die Priorität liegt woanders: Komfort, Vertrauen, unkomplizierte Nutzung und Fahrspaß.

Die hier gefahrene Version ist der Scott Addict Gravel 10. Er kommt mit einer SRAM Force Gruppe, Fulcrum Soniq GR Carbon Laufrädern und einer gelungenen violetten Lackierung.

Unser Kurzfazit 👇

Stärken:

Verbesserungswürdig

Sehr aufgeräumtes, funktionales Design

Optisch ist die Verwandtschaft mit dem Scott Addict Rennrad sofort erkennbar. Dieselbe Formensprache, dieselben gespannten Linien, derselbe Wille, alles Überflüssige zu eliminieren. Im Profil wirkt der Rahmen fast nackt: nirgends offenliegende Schrauben, keine klobige Serviceklappe, kein grafischer Ballast.

Dieser puristische Ansatz ist nicht nur eine Frage der Optik. Scott hat das Rad zusammen mit Syncros wirklich als Gesamtsystem gedacht, damit Komponenten, Stauraum und Zubehör die Linienführung nicht stören.

Die Klappe des Save the Day Kit unter dem Unterrohr ist ein gutes Beispiel. Wenn das nur in seltenen Notfällen dienen soll, warum sollte man es bei jedem Blick sehen? Sie erlaubt es, eine Minipumpe, Reifenheber und einen Schlauch mitzunehmen. Der Zugang ist nicht besonders gut, im Gravel-Einsatz wird sie schnell schmutzig, aber es ist kein Stauraum für den Alltag. Es ist eher eine Notlösung, die man vergisst, bis sie gebraucht wird.

Mir gefällt dieser Ansatz. Er akzeptiert eine Nutzungseinschränkung, setzt sie aber an die richtige Stelle. Ein Pannenwerkzeug muss nicht so leicht zugänglich sein wie ein Energieriegel.

Kleine Details tragen ebenfalls zum Gesamteindruck bei. In der Nähe der Hinterachse ein kleines „Smile“. Auf dem Oberrohr, auf Höhe der Inserts, ein „I am hungry“. Das verleiht einem sehr sauberen, visuell fast stillen Rad etwas Persönlichkeit.

Eine lange Geometrie, die Vertrauen schafft

Der Addict Gravel übernimmt den Geist des neuen Addict, aber mit den nötigen Anpassungen für den modernen Gravel-Einsatz. Das Rad ist länger als ein Rennrad, mit 10 mm höherem Stack gegenüber der Vorgängergeneration und ebenfalls längerem Reach. Scott kompensiert mit einem kürzeren Cockpit, um die Position an den Bremsgriffen der des Addict anzugleichen.

Wenn Sie bereits ein aktuelles Addict fahren, sollte der Umstieg also ziemlich natürlich ausfallen. In meinem Fall, vom Scott Addict RC kommend, wirkte das Gravelbike etwas größer: Ich fahre normalerweise Größe S, und das Addict Gravel in XS war perfekt.

Diese Länge fühlt sich nicht wie Trägheit an. Das Rad bleibt leicht zu platzieren und zu manövrieren. Vor allem bringt sie Stabilität, besonders wenn der Untergrund loser wird. In Größe M beträgt der Radstand 1060 mm, und diese Wahl passt gut zur Philosophie des Rads: weniger reine Nervosität, aber mehr Kontrolle, wenn man schnell fährt oder der Untergrund sich verschlechtert.

57 mm Reifen, kein Toe Overlap selbst in XS

Der neue Rahmen nimmt Reifen bis 2,2 Zoll (also 57 mm) auf, wie sie üblicherweise am MTB verwendet werden, und die im Gravel immer häufiger zu sehen sind. Das ist eine zeitgemäße Entscheidung von Scott.

Ich bin das Rad mit 50 mm und anschließend mit 55 mm Reifen gefahren. Der Wechsel verändert zwangsläufig das Verhalten: Je größer das Volumen, desto mehr dämpft und stabilisiert das Rad. Mit 55 mm war es ein echter 4×4.

Der Punkt, den ich bei kleinen Größen immer prüfe, ist das Toe Overlap. Hier berührte mein Fuß selbst in XS mit 55 mm Reifen beim engen Manövrieren nicht den Vorderreifen. Für mich ist das ein hervorragendes Zeichen für gutes Design.

Bei einem modernen Gravel, vor allem wenn es sehr breite Reifen zulässt, ist die Abwesenheit von Toe Overlap bei einer kleinen Größe wirklich wichtig.

Um diese Reifenfreiheit zu erreichen, hat Scott unter anderem eine kleine Ingenieursleistung vollbracht und die rechte Kettenstrebe verjüngt: An der dünnsten Stelle ist sie nur 8,5 mm stark. So bleibt die Kompatibilität mit sehr großen Reifen erhalten, gleichzeitig sind Kettenblätter bis 52 Zähne möglich, ohne die Geometrie komplett zu verändern.

Das Syncros-Cockpit ist die eigentliche Überraschung

Das neue Syncros IC R501 CF II Cockpit ist wahrscheinlich eines der gelungensten Elemente des Rads. Es ist speziell fürs Gravel, aus Carbon, mit angegebenen 290 g, 67 mm Reach, 115 mm Drop und in Breiten von 360 bis 420 mm erhältlich.

Die Form ist sehr durchdacht. Der Reach ist kurz, der Drop gering, die Hebel bleiben mit den Drops fluchtend statt wie bei vielen stark ausgestellten Gravel-Lenkern nach außen zu wandern. Ergebnis: Der Zugang zum Unterlenker und zu den Bremsen ist einfach exzellent.

Das ist die Art ergonomischer Ausarbeitung, die das Erlebnis wirklich verändert. Ich ertappte mich dabei, viel natürlicher zum Unterlenker zu greifen. Keine abgewinkelten Handgelenke, kein Gefühl von Enge, kein Grübeln über die Position. Die Hände finden ganz natürlich die richtige Stelle, und dort fühlt man sich wohl. Was kann man von einem Lenker mehr verlangen?

Im Cockpit sind auch die Syncros-Werkzeuge integriert, die wie Lenkerstopfen eingeschoben werden: auf der einen Seite ein Multitool (2 Werkzeuge) mit unter anderem einer Torx T25, auf der anderen ein Tubeless-Reparaturkit mit Dochten. Der T25-Schlüssel erlaubt die Einstellung aller Scott-Elemente am Rad: Cockpit, Sattel, Inserts, Flaschenhalter. Für das Schaltwerk oder Drittanbieter-Komponenten braucht man ein umfangreicheres Multitool, aber die Grundidee ist gut.

💡 Gut zu wissen:

An diesem Rad bleibt Scott beim Gabelschaftmaß 27,2 mm – 1 1/14″ (statt dem üblichen 1 1/8″), ein proprietärer Durchmesser, der bereits am Addict RC verwendet wird.

In der Praxis schränkt das die Austauschmöglichkeiten stark ein: Wenn Sie Vorbau oder Cockpit wechseln möchten, müssen Sie praktisch bei Syncros bleiben, da derzeit nur sehr wenige Marken mit diesem Standard kompatible Komponenten anbieten.

Syncros und ein als Ökosystem gedachtes Rad

Dieser Scott Addict Gravel ist nicht nur ein Rahmen mit passenden Anbauteilen. Man spürt die enge Zusammenarbeit mit Syncros, um ein System zu schaffen.

Die D-Shape Sattelstütze (identisch mit der des Scott Addict und Scott Addict RC) ist mit dem magnetischen Syncros-Rücklicht kompatibel. Der Rahmen erhält eine sehr unauffällige Kettenabwurfschutz-Lasche (speziell für dieses Rad entwickelt), die mit zwei Schrauben an der Rückseite des Sitzrohrs befestigt ist.

Da der Addict Gravel ausschließlich für 1x ausgelegt ist, hat Scott die beiden sonst üblichen Befestigungen für den Umwerfer nicht beibehalten. Diese wurden hinter das Sitzrohr verlegt, um den Kettenabwurfschutz aufzunehmen: clever, weil das ein sauberes, aufgeräumtes Profil ermöglicht.

Die Kehrseite ist, dass diese Aufnahme proprietär ist: Wenn Sie das Kettenblatt wechseln und weiterhin einen Kettenabwurfschutz nutzen möchten, brauchen Sie ein kompatibles Teil von Scott.

Der Rahmen bietet Inserts auf dem Oberrohr, unter dem Oberrohr, am Unterrohr sowie an der Innenseite der Gabelbeine.

Die Gabelhalterungen sind Syncros-spezifisch und auf 2 kg begrenzt. Auch ihr Design ist durchdacht: Die Flaschen werden leicht nach hinten versetzt und näher an die Lenkachse gebracht, was das Pendelmoment reduziert, das den Lenker zum Einschlagen bringt, wenn die Gabel beladen ist.

An meinem XS-Rad erschwerte die Rahmentasche allerdings den Zugriff auf die Flasche. Nichts Dramatisches, aber bei kleiner Größe würde ich direkt zu einem seitlich öffnenden Flaschenhalter greifen.

Viel Komfort, viel Grip

Scott gibt eine um 30 % erhöhte Front-Compliance an, dank der gebogenen Gabel, des dünneren Gabelschafts und des neuen Cockpits. Hinten habe die Marke ebenfalls viel Arbeit in Sitzrohr, abgesenkte Sitzstreben und Oberrohr gesteckt, mit deutlich mehr Komfort als bei der Vorgängergeneration.

Im Gelände bestätigt sich das klar. Das Rad filtert sehr viel. Die breiten Reifen tragen selbstverständlich bei, aber Rahmen und Cockpit verstärken dieses Gefühl von „Ruhe“. In Schotterabfahrten kann man kräftig fahren, ohne dass das Rad in alle Richtungen springt.

Ich hatte wirklich Spaß daran, dieses Rad zu fahren. Es macht Lust, Linien zu suchen, ins Ruppige zu stechen, zu springen, sich mitnehmen zu lassen. Es hat nicht diese trockene oder fordernde Art mancher sehr performanceorientierter Gravel. Es vermittelt Sicherheit.

Und dieses Vertrauen verändert die Fahrweise. Wenn man weiß, dass die Bremsen perfekt unter den Fingern liegen, der Lenker dämpft, die Front ruhig bleibt und die Reifen Reserven haben, entspannt man sich stärker und hat (sehr) viel Spaß auf den Wegen.

Der Preis für den Komfort: weniger Spritzigkeit

Dieser Komfort hat eine Kehrseite. Der Addict Gravel ist nicht das reaktionsschnellste Rad, das ich gefahren bin. Im Wiegetritt, an steilen Rampen oder wenn man kräftig antritt, spürt man eine gewisse Absorption des Krafteinsatzes.

Das ist kein versteckter Mangel. Es ist vielmehr eine bewusst in Kauf genommene Konsequenz des Projekts. Scott hat die Gesamtsteifigkeit bewusst leicht reduziert, um Grip, Komfort und Vorhersehbarkeit zu verbessern. In dieser Logik funktioniert das Rad sehr gut. Aber wenn Ihre Priorität Antritt, Rennen oder reiner Vortrieb ist, müssen Sie vielleicht anderswo schauen (oder auf eine mögliche Addict Gravel RC Version warten).

Es gibt auch Stellschrauben, um es spritziger zu machen: steifere Laufräder, oder das Cockpit oder die Sattelstütze des Addict RC… Das Scott-Ökosystem ermöglicht das teilweise. In seiner aktuellen Konfiguration ist die Botschaft jedoch klar: Dieses Rad gibt lieber Vertrauen, als bei jedem Antritt Watt zu feuern.

HMX, HMF und komplette Modellpalette

Den Rahmen gibt es in zwei verschiedenen Carbonqualitäten. Die HMX-Version (hier getestet) wird mit 794 g angegeben, also 75 g weniger als die vorherige Generation. Die HMF-Version wiegt 990 g, mit 25 g Ersparnis. In beiden Fällen bleibt Scott seiner Gewichtsfixierung treu, selbst bei einem auf Komfort und Vielseitigkeit ausgelegten Rad.

Die Palette umfasst fünf Modelle. Das Premium wird mit 7,8 kg angegeben. Das Addict Gravel 10, jenes aus diesem Test, mit 8,2 kg. Das Gravel 20 mit 8,6 kg, das Gravel 30 mit 8,7 kg und das Gravel 40, mit mechanischem Shimano GRX, mit 9,4 kg. Diese Gewichte beziehen sich auf Tubeless-Aufbau und ohne das Save the Day Kit.

SRAM AXS auf fast der gesamten Palette

Vom Premium bis zum Addict Gravel 30 bleibt Scott bei einem sehr modernen Ansatz mit elektronischen SRAM AXS Antrieben mit 13 Gängen, je nach Modell in Red, Force oder Rival. Das hier getestete Addict Gravel 10 kommt entsprechend mit Force, während das Premium auf Red setzt.

Erst beim Gravel 40 wechselt es auf mechanischen Shimano GRX mit 12 Gängen. Selbst bei dieser günstigsten Version bleibt Scott jedoch bei hydraulischen Scheibenbremsen. Das ist eine sinnvolle Entscheidung bei einem Gravel, wo Bremskraft und Modulation wichtig sind: Die Marke hat nicht versucht, den Preis mit mechanischen Zangen nach unten zu drücken.

Auch das Cockpit markiert einen klaren Unterschied in der Palette. Das Carbon-Kombicockpit Syncros IC R501 CF II gibt es ab dem Addict Gravel 10. Die Gravel 20, 30 und 40 behalten eine klassischere Lösung mit separatem Vorbau und Lenker aus Aluminium, weniger spektakulär, aber auch einfacher einzustellen oder zu ersetzen.

Eine Palette von 2 699 bis 8 999 €

Die Palette startet bei 2 699 € mit dem Addict Gravel 40 mit mechanischem Shimano GRX und reicht bis 8 999 € für das Addict Gravel Premium. Dazwischen bietet Scott das Gravel 30 für 3 999 €, das Gravel 20 für 5 499 € und das hier getestete Gravel 10 für 6 499 € an.

Der größte Sprung liegt zwischen dem Gravel 30 und 20, mit 1 500 € Unterschied. Er erklärt sich nicht nur über den Antrieb: Auch die Laufräder steigen beim Addict Gravel 20 deutlich im Niveau (Fulcrum Soniq GR Carbon), was sich zwangsläufig im Preis niederschlägt.

Umgekehrt ermöglicht das Gravel 40 den Zugang zum neuen Rahmen für unter 2 700 €, mit einem einfacheren und schwereren Aufbau (8,7 kg im Tubeless-Aufbau – ohne Save The Day kit).

Die Palette ist damit besonders breit: vom relativ erschwinglichen Carbon-Gravel bis hin zum sehr hochwertigen Aufbau für fast 9 000 €.

Für wen ist dieses Scott Addict Gravel 2027 gemacht?

Dieses neue Scott Addict Gravel richtet sich vor allem an Fahrerinnen und Fahrer, die ein modernes, schönes, sehr integriertes Gravel wollen, das lange Touren kann und Spaß macht, wenn das Terrain technischer wird.

Weniger passend ist es für alle, die ein nervöses, sehr race-orientiertes Gravel mit unmittelbarer Antwort bei jedem Antritt suchen. Das ist nicht sein Temperament, und genau das macht es interessant.

Scott hat nicht einfach die Reifenfreiheit eines Addict vergrößert. Die Marke hat ein Rad gebaut, bei dem Design, Werkzeuge, Cockpit, Taschen, Geometrie und Dämpfung in dieselbe Richtung gehen. Das Ergebnis ist ein stimmiges Gesamtkonzept.

Was bleibt, ist vor allem ein sehr angenehmes, sehr vertrauenerweckendes Rad mit einem bemerkenswerten Cockpit und einer Verarbeitung, die Lust macht, bei den Details zu verweilen. Kurz: ein Gravel, um viel Spaß zu haben.

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