Van Rysel hat die Straße bereits fest im Griff. Was noch fehlte, war ein echtes Rad für die Mittel- und Oberklasse des Gravels – und vor allem für diesen sehr speziellen Bereich des Gravel Race: schnell, bissig, der Straße immer näher, und doch robust genug, um ruppige Wege wegzustecken.
Genau hier setzt der RCR-G an. Nicht als Abenteuer-Gravelbike, das für den Wettkampf umfunktioniert wurde, sondern als Rennmaschine, gedacht für Straße, Pisten und schnelle Wege. Ich konnte ihn während desselben Aufenthalts wie das Endurance-Gravel der Marke testen – exklusiv für Frankreich. Und klar: Mit meiner Vorliebe für sportliche Räder hat mich dieses hier besonders interessiert.
Stärken:
- Extrem scharfes Preis-Leistungs-Verhältnis
- Schnelles, leichtes und sehr dynamisches Fahrverhalten
- Natürliche Sitzposition für Fahrer, die von der Straße kommen
Verbesserungswürdig
- Innenbreite der Laufräder zu gering
Ein schwer zu schlagender Preis
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: dem Preis.
Der Van Rysel RCR-G wird in drei Ausstattungen angeboten: 3.199 € mit SRAM Rival AXS, 4.199 € mit SRAM Force AXS und 6.599 € mit SRAM Red AXS. Alle drei Versionen basieren auf demselben High-Modulus-Carbonrahmen und setzen ausschließlich auf elektronische SRAM XPLR AXS Gruppen.
Das hier getestete Topmodell ist besonders aggressiv bepreist. Für 6.599 € bekommt man einen SRAM Red XPLR AXS 13-fach-Antrieb, 50-mm-Carbonlaufräder von Van Rysel, ein integriertes Carbon-Monoblock-Cockpit und ein angegebenes Gewicht von 7,8 kg in Größe M. Bei manchen Konkurrenten entspricht dieser Tarif fast dem Preis eines Rahmenkits.
Preis allein macht nie ein gutes Rad. Aber wenn er mit einem seriösen Rahmen, einer klaren Konstruktionsintention und einem überzeugenden Fahrverhalten kombiniert wird, wird es schwer, das zu ignorieren.
Ein RCR für die Straße mit Gravel-Reifen? Nicht nur das
Optisch ist die Verwandtschaft mit der RCR-Familie offensichtlich. Der RCR-G übernimmt die gestreckte, recht aerodynamische Silhouette, mit einem stark integrierten Cockpit und einer Performance-Ausrichtung, die er nicht versteckt.
Van Rysel spricht von CFD-Arbeit, virtuellem Prototyping und Windkanaltests, mit einer Einsparung von 8,6 Watt gegenüber der älteren Gravel-Plattform GCR. Diese Zahl ist als das zu nehmen, was sie ist: eine interessante Entwicklungskennzahl, keine isolierbare Fahrempfindung. Aber sie beschreibt die Intention des Rads sehr gut.
Hier steht nicht ein vielseitiges Gravelbike, dem man zwei Renn-Details aufgesetzt hat. Der RCR-G startet eher von einer performanten Straßenbasis und passt sie dem modernen Gravel an: Reifenfreiheit bis 50 mm, UDH-Kompatibilität, drei Flaschenhalteraufnahmen, Ösen am Oberrohr, Schutz unter dem Unterrohr und auf der Kettenstrebe.
Der Rahmen, angegeben mit 885 g in Größe M unlackiert, kombiniert mit einer Gabel von 415 g, positioniert das Rad in einer sehr ernstzunehmenden Kategorie. Und im Gelände bleibt diese Leichtigkeit nicht nur ein Datenblattwert: Sie trägt spürbar zur Lebendigkeit des Rads bei.
Eine sehr europäische Geometrie
Der RCR-G bekennt sich klar: Gravel nach europäischer Prägung. Relativ kurzer Radstand, reaktives Rad, effiziente Position, Verhalten nahe am Rennrad, sobald sich das Gelände öffnet.
Die ersten Kilometer auf dem Asphalt, um das Hotel des Pressecamps zu verlassen, gaben schnell den Ton an. Ich hatte fast das Gefühl, auf einem Rennrad zu sitzen, das breite Reifen akzeptiert. Und in diesem Fall ist das nicht als Kritik gemeint.
Diese Nähe zur Straße bringt viel Effizienz, echte Leichtigkeit beim Beschleunigen und ein durchaus berauschendes Gefühl, wenn das Tempo steigt. Das Rad reagiert schnell, ohne übermäßige Trägheit, mit dem Eindruck, das Tempo halten zu können, ohne gegen die Maschine anzukämpfen.
50 mm Reifenfreiheit: ausreichend, aber bereits diskussionswürdig
Van Rysel gibt ein maximales Reifenmaß von 50 mm frei. Für einen europäischen Gravel-Racer ist das ausreichend. Viele werden dieses Rad mit 45 mm fahren, und diese Breite erlaubt bereits hohes Tempo auf einem Großteil der heutigen Gravel-Strecken.
Aber der Markt bewegt sich sehr schnell. Was vor Kurzem noch großzügig wirkte, kann morgen nur noch solide erscheinen. Ich hätte gern mindestens 55 mm fahren können, wie bei manchen jüngeren Konkurrenten wie dem Specialized Crux. Nicht, weil es jeder braucht, sondern weil Gravel-Rennen vielfältiger werden, teils ruppiger, und der angesammelte Komfort über 200 oder 300 km enorm zählt.
Bei einer schnellen Veranstaltung in Europa blockieren mich 50 mm nicht. Bei einer Etappenfahrt oder sehr anspruchsvollem Terrain hätte ich jedoch gern mehr Reserven.
Kein interner Stauraum: eine nachvollziehbare, aber frustrierende Wahl
Der RCR-G bietet keinen internen Stauraum im Rahmen. Ich habe direkt beim Produktmanager nachgefragt: Die Entscheidung hängt unter anderem mit dem Einfluss auf den Lagenaufbau und dem zusätzlichen Gewicht zusammen.
Das Argument verstehe ich. An einem so performance-orientierten Rad zählt jede Öffnung, jede Verstärkung, jedes Gramm. Trotzdem fällt es mir schwer, diesen Punkt loszulassen.
Bei einem modernen Gravel-Racer, vor allem wenn man Distanzen von 200 oder 300 km anvisiert, wird die Autonomie zentral. Einen Ersatzschlauch, ein Multitool, eine CO2-Kartusche oder ein kleines Pannenset im Rahmen verstauen zu können, ist im Alltag ein echter Gewinn. Alternativ hätte Van Rysel die Integration mit einer spezifischen aerodynamischen Tasche im Rahmendreieck vorantreiben können, wie es einige Marken bereits tun.
Die Ösen am Oberrohr kompensieren diesen Mangel teilweise. Für mich wird integrierter Stauraum fast zu einem echten Race-Feature, nicht nur zu einem Gimmick für leichtes Bikepacking.
Durchdachte Konstruktionsdetails
Nicht alles sind große Ansagen. Der RCR-G zeigt auch einige praktische, gut durchdachte Entscheidungen.
Die zusätzlichen Schutzstreifen unter dem Unterrohr und an der Kettenstrebe sind willkommen, besonders bei einem Rad, das Spritzern so ausgesetzt ist. Asymmetrische Kettenstreben tragen zur Gesamtarchitektur des Rahmens bei, und die runde Sattelstütze verdient eine Erwähnung.
Sie ist aerodynamisch wohl nicht die radikalste Wahl. Aber sie vereinfacht die Wartung und eröffnet die Möglichkeit einer Teleskopsattelstütze, wenn man das Rad noch engagierter fahren will. An einem Gravel-Racer ist das nicht absurd.
Auch das Cockpit hat mir gefallen. Obwohl es klar aus der Straßenwelt kommt, funktioniert seine Ergonomie im Gravel sehr gut: oben am Lenker, im Unterlenker oder an den Hoods bleiben die Auflagen natürlich. Ich mag sehr, was Deda bei diesem Cockpit-Typ bietet, und der RCR-G bestätigt diesen Eindruck.
Ein durchdachter Antrieb, mit einer überraschenden Modelllogik
Das getestete Red-Modell kommt mit einer SRAM Red XPLR AXS 13-fach Schaltung, einer 10-46 Kassette und einem 44er Kettenblatt. Das ist eine stimmige Wahl für schnellen Einsatz, insbesondere an einem Rad, das gern Tempo hält.
In der Modellreihe sinkt das Kettenblatt dann auf 42 Zähne bei der Force-Version und 40 Zähne beim Rival. Diese Entscheidung wirft Fragen auf. Technisch lässt sie sich verstehen: Die anvisierten Nutzer der zugänglicheren Aufbauten könnten leichtere Gänge benötigen. Zugleich entsteht aber eine etwas seltsame Kurzlogik: Je teurer das Rad, desto mehr sei es fürs kräftige Tempo gedacht.
In der Praxis können viele sehr kräftige Fahrer aus Budgetgründen durchaus eine Force- oder Rival-Ausstattung wählen. Umgekehrt hat ein Käufer des Red-Aufbaus nicht zwingend Lust, überall dicke Gänge zu treten.
Nichts, was blockiert, aber ein Detail in der Modelllogik, das man vor dem Kauf im Blick haben sollte.
Im Gelände: schnell, agil, weniger verzeihend als das Endurance-Modell
Beim RCR-G fand ich sehr schnell Vertrauen in die Position. Ich musste keine langen Minuten investieren, um zu verstehen, wo die Hände hingehören, wie man die Front lädt oder aus Kurven heraus beschleunigt.
Dieses Rad ist leicht, direkt, sehr agil. Es macht Lust anzugreifen, aus Kurven heraus zu beschleunigen und das Tempo zu halten, sobald der Weg flacher wird. Bergab kann es sogar richtig berauschen, wenn man gern schnell fährt.
Aber es fordert mehr Aufmerksamkeit als ein Endurance-Gravel. Es korrigiert Fehler weniger. Es verzeiht ungenau gewählte Linien weniger. Mit meinem mittleren Techniklevel fühle ich mich auf einem stabileren, toleranteren Rad sicherer. Der RCR-G hingegen belohnt sauberes Fahren stärker.
Das heißt nicht, dass er sich nur auf glatten Wegen bewegen will. Ich bin Passagen gefahren, die anspruchsvoller waren, als ich sie mit diesem Radtyp spontan gewählt hätte. Er blockiert nicht. Man muss nur akzeptieren, dass er dem Fahrer etwas mehr abverlangt.
Die Van Rysel Carbon-Laufräder: gut, aber nicht gravel-gerecht genug
Das Red-Modell kommt mit den Van Rysel VR 50 Carbon-Laufrädern. Sie sind steif, eher komfortabel, effizient und tragen zum sehr dynamischen Charakter des Rads bei.
Das Problem ist vor allem ihre Innenbreite: 22 mm. Für Straßeneinsatz oder relativ schmale Reifen kann das funktionieren. Für Gravel mit 45-mm-Reifen und erst recht, wenn man die maximale Rahmenfreiheit ausreizen will, ist das zu knapp.
Der Reifen bekommt nicht den Ballon, den er auf einer modernen, breiteren Gravel-Felge hätte. Ergebnis: Man verschenkt Potenzial bei Komfort, Grip und Fahrverhalten bei niedrigem Druck. Das ist vermutlich die deutlichste Schwäche des getesteten Aufbaus.
Van Rysel ist sich dessen bewusst, denn ein neues, dediziertes Gravel-Laufradmodell ist in Entwicklung. Ich verstehe den Wunsch, bei einem hauseigenen Paar zu bleiben, statt eine Fremdmarke zu wählen. Im jetzigen Zustand sind diese Laufräder jedoch noch nicht so gut auf den Rest des Rads abgestimmt.
Die Serienreifen werden nicht immer die richtigen sein
Der RCR-G wird mit Continental Terra Comp TLR in 45 mm ausgeliefert. Auf dem Papier ist das eine interessante Breite für dieses Rad. In der Praxis bleibt das Profil recht rollorientiert.
In Le Castellet, im Süden Frankreichs, wäre das nicht zwingend meine erste Wahl gewesen. Für eine trockene, schnelle, wenig ruppige Strecke kann er sehr gut passen. Sobald das Gelände weicher, steiniger oder technischer wird, sollte man anpassen.
Das ist kein Mangel des Rads. Es ist bei einem Gravel-Racer fast eine Binsenweisheit: Der Reifen verändert das Fahrverhalten. Und an einem so reaktiven Rahmen wird die Reifenwahl noch wichtiger.
Ein nahezu offensichtliches Ein-Bike für Straße und Gravel
Das ist vielleicht einer der interessantesten Punkte des RCR-G: Er spricht alle an, die ein einziges Rad suchen, um schnell auf der Straße und im Gravel zu fahren.
Kein Reiserad. Kein Nutz-Gravel. Kein Rad, das für viele Taschen und dreitägiges Verschwinden gedacht ist. Sondern ein performantes, leichtes, nervöses Rad, das am Samstag eine schnelle Straßenausfahrt und am Sonntag ein Gravel-Rennen fahren kann.
Diese doppelte Lesart ist wirklich stimmig. Rahmen, Geometrie, Gewicht und Cockpit ergeben ein Rad, das sich auf dem Asphalt nie schleppend anfühlt. Und auf den Wegen öffnet die 50-mm-Reifenfreiheit das Einsatzspektrum bereits sehr weit.
Mein Fazit zum Van Rysel RCR-G
Der RCR-G richtet sich in erster Linie an Fahrer, die gern schnell unterwegs sind. Wer von der Straße kommt, findet sich sofort zurecht: effiziente Position, lebendige Lenkung, kräftige Beschleunigung, spürbare Effizienz.
Er kann auch zu bereits erfahrenen Gravel-Fahrern passen, sofern sie eher ein Race-Bike als ein in jeder Situation beruhigendes Rad suchen. Wenn dir maximaler Komfort, Stabilität im Ruppigen oder ambitionierte Ultradistanzen wichtiger sind, ist der EDR-G wahrscheinlich logischer.
Wenn du ein sehr performantes Rad willst, das auf der Straße einsetzbar ist, im Gravel schnell ist und preislich unglaublich gut positioniert, wird der RCR-G schwer zu umgehen.
Van Rysel steigt nicht zaghaft in den Markt für Gravel-Racer ein. Die Marke kommt mit einem ausgereiften, sehr wettbewerbsfähigen Rad – nicht perfekt in der Ausstattungsauswahl, aber bereits stark genug, um viele etablierte Referenzen zu erschüttern.