GRAVEL
ROAD

Van Rysel EDR-G: Erstkontakt mit dem Carbon-Gravelbike, das den Markt aufmischen könnte

Van Rysel hat im Segment der mittel- bis hochpreisigen Carbon-Gravelbikes bislang kaum Akzente gesetzt. Mit dem neuen EDR-G schaltet die Marke aus Lille spürbar hoch.

Ich sage es gleich vorweg: Das ist kein Langzeittest. Es ist ein fundierter Erstkontakt, basierend auf einer Ausfahrt von rund 60 km mit über 1.200 Höhenmetern, auf einer ausreichend abwechslungsreichen, gut gewählten Runde, um das Einsatzprofil des Rads zu verstehen.

Unser Kurzfazit 👇

Stärken:

Verbesserungswürdig

Und das Programm ist ziemlich klar: ein Endurance-orientiertes, vielseitiges, komfortables Gravelbike, das weit kommen kann, ohne schwammig oder träge zu werden.

Moderne Technik, aber nicht übertrieben

Auf dem Papier setzt der EDR-G viele Häkchen beim modernen Gravel: Carbon-Rahmen und -Gabel, Reifenfreiheit bis 50 mm, zahlreiche Befestigungspunkte, Deda Gera-Lenker mit 24° Flare, integrierter Stauraum im Rahmen, je nach Version Schwalbe G-One R in 45 mm.

Die Serie gliedert sich in drei Hauptaufbauten: eine Version mit Shimano GRX 610, 12-fach für 2.199 €, eine Version mit SRAM Force XPLR AXS und VR32-Carbonlaufrädern für 3.199 €, sowie eine gefederte Version mit RockShox Rudy XPLR 40 mm für 3.499 €.

Auffällig ist nicht nur die Ausstattung. Es ist vor allem das Verhältnis aus Ausstattung und Preis. Eine Force-AXS-Gruppe, Carbonlaufräder, eine Carbon-Sattelstütze, ein Carbon-Rahmen und ernstzunehmende Reifen für etwas über 3.000 €: Damit können heute nur sehr wenige Marken mithalten.

Über Komponentenwahl, Gewicht, Vertrieb oder Markenimage kann man immer diskutieren. Aber in einem Markt, in dem die Preise mitunter jeden Bezug zur realen Wahrnehmung der Radfahrenden verloren haben, wirkt dieser Van Rysel wie ein deutlicher Weckruf. Der Preis erklärt nicht alles, aber am Ende zählt er doch.

Endurance-Geometrie - beruhigend statt radikal

Die Position hat mich überrascht. Ich saß etwas aufrechter als auf manchem aktuellen Gravelbike, obwohl die Maße zum Segment passen. Das Oberrohr von 57 cm in Kombination mit einem 90 mm Vorbau ergibt eine sehr natürliche Position – weder zu kompakt noch ausgeprägt sportlich.

Das beschreibt dieses Rad sehr gut. Der EDR-G versucht nicht, ein Gravel-Race-Bike wie den RCR-G zu kopieren. Er folgt einer echten Endurance-Logik: Man soll lange fahren, die Position wechseln, das Gelände wegstecken und frisch bleiben können.

Der Deda Gera-Lenker trägt zu diesem Eindruck bei. Er hat eine geringe Drop-Tiefe, ist weit ausgestellt und bietet mehrere tatsächlich nutzbare Handpositionen. 

Der integrierte Stauraum - das Detail, das die Wahrnehmung des Rads verändert

Van Rysel greift hier die Idee des integrierten Stauraums auf, die es bereits bei einigen Bikes der Endurance-Reihe gibt. Das Fach sitzt im Rahmen relativ hoch, bleibt im Alltag aber praktisch und leicht zugänglich.

Vor allem liefert die Marke nicht einfach eine leere Klappe. Das Rad kommt mit einer Innentasche, einem Multitool, einem Schlauch, Reifenhebern und einer Minipumpe. Anders gesagt: das Basiskit ist bereits dabei.

Das klingt fast banal, ist beim Kauf aber wichtig. Viele Marken bieten heute integrierte Stauräume an und überlassen es den Fahrenden, den Inhalt selbst zu ergänzen. Hier liefert Van Rysel ein stimmiges, einsatzbereites System, das tatsächlich erlaubt, auf eine kleine Satteltasche zu verzichten.

Die Produktionskosten eines solchen Pakets sind vermutlich nicht riesig. Der Eindruck hingegen ist sehr stark. Wenn man das Rad in Empfang nimmt, hat man das Gefühl, dass sich jemand über die komplette Nutzung Gedanken gemacht hat, nicht nur über den Rahmen.

Das Rad verfügt über Befestigungspunkte auf dem Oberrohr, unter dem Unterrohr und an der Gabel. Das passt zu seiner Ausrichtung auf Abenteuer und lange Distanzen.

Auf den Testrädern habe ich hingegen keinen echten Silikonschutz unter dem Unterrohr gefunden, nur einen Klebeschutz. Gleiches gilt für die Kettenstreben, wo das Fehlen eines dedizierten Schutzes an einem Gravelbike überrascht.

Umso erstaunlicher, als der RCR-G der Marke an einigen Stellen mit ausgereifteren Protektoren ausgestattet ist. 

Im Gelände - stabil, gutmütig, nie tückisch

Die Ausfahrt begann direkt mit einem technischen, steilen Anstieg. Nicht gerade das Terrain, auf dem ein Rad lange kaschieren kann.

Ich fuhr die Version mit mechanischem Shimano GRX und DT Swiss Aluminium-Laufrädern. An der Gruppe gibt es nichts auszusetzen: Die Schaltvorgänge sind klar, die Bremsleistung ist gut, und das Gesamtpaket passt perfekt zu einem Endurance-Gravelbike.

Die Alu-Laufräder vermitteln hingegen nicht das dynamischste Gefühl. Sie machen das Rad nicht zur nervösen Rennmaschine. Doch selbst in dieser weniger auf Performance getrimmten Konfiguration als beim Force-AXS-Setup mit Carbon-Laufrädern behält der Rahmen eine gewisse Spritzigkeit.

Wenn man Druck macht, reagiert das Tretlager. Nicht mit der trockenen Nervosität eines reinen Race-Gravelbikes, sondern gesetzter, kontrollierter. Wahrscheinlich liegt hier das Gleichgewicht des EDR-G: lebendig genug, um nicht langweilig zu werden, zugleich so souverän, dass er nicht unnötig ermüdet.

Agile Front, aber echte Stabilität bergab

Bergab hinterließ der EDR-G einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Die Front ist agil genug, um die Linie präzise zu setzen, ohne den Eindruck eines instabilen oder zu kurzen Bikes zu vermitteln.

Der vergleichsweise lange Radstand gibt Vertrauen, wenn die Neigung zunimmt oder der Untergrund ruppiger wird. Das Rad hat mich nie in Bedrängnis gebracht, selbst auf Passagen, auf denen man die Linie schnell wählen musste.

Viele vielseitige Gravelbikes verfallen in zwei Extreme: Entweder zu straßenlastig und nervös, sobald der Untergrund schlechter wird, oder zu schwerfällig bei schnellen Richtungswechseln. Hier scheint Van Rysel einen ziemlich gelungenen Kompromiss gefunden zu haben.

Komfort als echtes Rückgrat

Der Ansatz von Van Rysel rund um den EDR-G beruht auf einer einfachen Idee: Wer komfortabel sitzt, bleibt länger effizient. Das ist nicht revolutionär. Aber auf dem Rad geht die Rechnung auf.

Die Ausfahrt war nicht sehr lang, aber fordernd: rund 60 km, über 1.200 Höhenmeter, abwechslungsreiches Gelände, einige technische Passagen. Ich kam erstaunlich frisch an, ohne nennenswerte Muskelbeschwerden oder das Gefühl, gegen das Rad gekämpft zu haben.

Das ist kein endgültiger Beweis für Komfort über 200 oder 300 km. Dafür braucht es einen echten Langzeittest. Aber diese erste Runde bestätigt bereits eines: Der EDR-G ist kein steifes Carbon-Gravelbike im Adventure-Kostüm.

Er filtert Vibrationen ordentlich, lässt sich leicht steuern und macht Lust, die Runde zu verlängern statt heimzufahren.

Ein vielseitiges Gravelbike, kein Gravel-Race-Bike

Man muss dieses Rad auch richtig einordnen. Der EDR-G zielt nicht auf denselben Fahrenden wie ein reinrassiges Wettkampf-Gravel – leicht, aggressiv und stark auf Leistung fokussiert. Er will auch kein Mini-MTB sein.

Sein natürliches Terrain ist die lange Gravel-Distanz, gemischte Ausfahrten, Tagesabenteuer, Routen mit Höhenmetern, schnelle Passagen und ruppigere Wege. Kurz: der Kern der Gravel-Praxis für viele Radsportler.

Allerdings ist es genau die Basis, die ich mit Freude in ein Gravel-Race-Bike verwandeln würde, wenn das dein Ziel ist. Wenn du keinen ultrasteifen Rahmen willst und trotzdem ein wettbewerbsfähiges, gut ausgestattetes Rad suchst, könnten ein dynamischerer Carbon-Laufradsatz und ein einteiliges Cockpit dieses Gravelbike in das ideale Rad für Rennen wie The Traka verwandeln.

Der Preis - das Argument, das alles ändern kann

Man kann lange um den heißen Brei reden, aber das Hauptargument dieses Rads bleibt sein Preis. Für 2.199 € mit GRX und Carbonrahmen ist das Angebot bereits stark. Für 3.199 € mit Force AXS und Carbonlaufrädern wird es wirklich schwer zu ignorieren.

Bei vergleichbarer Ausstattung verlangen viele Marken deutlich mehr. Mitunter fast das Doppelte. Und rechnet man das integrierte Kit, die 50 mm Reifenfreiheit, die Befestigungspunkte und die insgesamt stimmige Ausstattung dazu, wird der Van Rysel EDR-G zu einem der aggressivsten Angebote am Markt.

Das ist nicht nur eine gute Nachricht für Van Rysel. Es setzt auch den Rest der Branche unter Druck. Bislang beunruhigte die Marke aus Lille die etablierten Akteure im mittleren bis oberen Carbon-Gravel-Segment noch recht wenig. Mit diesem EDR-G ist das nicht mehr wirklich der Fall.

Was dieser Erstkontakt schon verrät

Das muss ein echter Langzeittest bestätigen: Verhalten mit Gepäck, Haltbarkeit der Protektoren, Komfort nach mehreren Stunden, Taschenmontage, der tatsächliche Mehrwert der gefederten Version,…

Doch diese erste Ausfahrt zeichnet bereits ein klares Bild. Van Rysel bringt nicht einfach ein gut bepreistes Carbon-Gravelbike. Die Marke bietet ein stimmiges, durchdachtes, komfortables Bike, das sich im Gelände gutmütig fährt und zu einem Preis, der dem Markt sehr wehtun könnte.

Der EDR-G ist nicht perfekt. Das Pressfit-Tretlager wird manche zum Zähneknirschen bringen, der Rahmenschutz könnte besser sein, und die Version mit DT Swiss Alu-Laufrädern hat nicht die Spritzigkeit des Carbon-Setups. Aber das Gesamtpaket steht.

Und wenn der Preis passt, das Konzept stimmig ist und das Rad einfach gut fährt, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass dieser Van Rysel nicht sein Publikum findet.

Hat dir dieser Inhalt gefallen?
Bewerten post
[comment_count]
💬 Lesen oder kommentieren →
War dieser Inhalt hilfreich?

Hilf anderen Radfahrern, diesen Inhalt zu entdecken!

Als Erster informiert sein

Folge Gravelpassion.de und verpasse keine Neuigkeiten aus der Radsportwelt!

Das Wichtigste, jeden Samstag

Die neuesten Nachrichten der letzten 7 Tage, direkt in dein Postfach.

Weiterlesen: 100 % Radsport

Cube Nuroad C:62 oder Van Rysel EDR-G – welche Wahl passt besser?

Ratgeber
08/28/2026

Test Van Rysel RCR-G: der Gravel-Racer, der mächtig auftrumpft

Tests
⭐️ 4.2/5
08/24/2026

Van Rysel EDR-G: Erstkontakt mit dem Carbon-Gravelbike, das den Markt aufmischen könnte

Tests
⭐️ 4.5/5
08/24/2026

Shimano Dura-Ace R9300: die künftige 13-fach-Gruppe bei der Vuelta gesichtet

News
08/23/2026

Test Feedback Sports Sprint: der kompakte Montageständer, der Lust macht, sich um sein Fahrrad zu kümmern

Tests
⭐️ 4/5
08/22/2026

Test Selle Italia SLR 3D Carbon: leicht, wunderschön … aber hart

Tests
⭐️ 3.8/5
08/20/2026
Die besten Rabattcodes in August 2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

🍪 We use cookies to support you during your visit (and to keep hunger knocks at bay too!)