Als LEGO sein Rennrad vorgestellt hat, habe ich genau so reagiert, wie es ein angeblich vernünftiger Erwachsener tut: Ich fand es unnütz, viel zu verführerisch und damit vollkommen unverzichtbar.
Das Set LEGO Icons Le vélo de route, Referenz 11380, erfüllt ein paar durchaus heikle Kriterien: ein glaubwürdiges Fahrradthema, eine auf Erwachsene ausgerichtete Reihe, 1.015 Teile, ein Ausstellungsständer, ein funktionsfähiger Antrieb und ein Preis von 119,99 €. Für Radfahrer landet so ein Objekt selten in der Kategorie „rationaler Kauf“.
Stärken:
- Gelungenes Ausstellungsobjekt, sofort als Rennrad erkennbar
- Angenehmer Aufbau mit echten Details
- Funktionsfähiger Antrieb und Freilauf
Verbesserungswürdig
- Kette zu lang beim empfohlenen Aufbau
- Fehlende Teile am Testexemplar
Und um es gleich zu sagen: Dieser Test wurde nicht auf offener Straße durchgeführt, auch wenn das Datenblatt einen Freilauf, eine silberne Kette und Gummireifen verspricht. Die Versicherer sind dafür nicht bereit.
Ein zentrales Schaustück, im wahrsten Sinne des Wortes
Erster Punkt zum Akzeptieren: Dieses Fahrrad braucht Platz. Mit Ständer nennt LEGO 60 cm Länge, 36 cm Höhe und 19 cm Breite. Das ist kein kleines Modell, das man vage zwischen Tasse und Notizbuch abstellt. Es ist ein echtes Objekt fürs Büro, Regal oder Wohnzimmer. Sagen wir eine sportliche Deko, die ihren Platzbedarf offen zugibt.
Optisch funktioniert das Gesamtbild gut. Man erkennt sofort ein modernes Rennrad: hohe Felgen, profilierter Rahmen, Scheibenbremsen, integriertes Cockpit, Trinkflasche, Rücklicht, Klickpedale. LEGO hat sich nicht mit einem generischen Fahrrad mit zwei Rädern und einem Lenker begnügt. Das Ganze wurde mit einem klaren Radsport-Blick umgesetzt.
Sind die Proportionen perfekt? Nein. Sieht der Sattel so aus, als wäre er nach drei Stunden Meeting zwischen einem Triathleten und einem Lichtschwert-Designer entstanden? Ein bisschen. Aber das Objekt hat Präsenz. Und für ein Ausstellungs-Set ist das schon ein großer Teil des Auftrags.
Der Aufbau: auf dem Papier ein Nachmittag, im echten Leben mehrere Monate
LEGO stuft dieses Set als 18+ ein, nicht weil man 320 Watt FTP braucht, um das Hinterdreieck zu montieren, sondern weil der Aufbau Methode erfordert. Nichts Unüberwindbares, aber bei manchen Schritten sollte man das Tempo drosseln.
Ich persönlich habe mehrere Monate gebraucht, um es zu beenden. Das ist natürlich nicht die normale Zeit. Ein konzentrierter Nachmittag kann reichen. Aber zwischen Arbeit, Prioritäten und der sehr erwachsenen Fähigkeit, einen angenehmen Moment aufzuschieben, blieb das Rad eine Weile eine Baustelle. Wie viele Rahmen, die auf ihren Aufbau warten, letztlich auch.
Die Zufriedenheit ist die, die man von LEGO erwartet: Tütchen, mit denen es sauber vorangeht, Baugruppen, die Form annehmen, und dieser kleine Moment, in dem man versteht, dass drei unwahrscheinliche Teile am Ende ein ziemlich cleveres Detail ergeben.
Die Laufräder erfordern wirklich Aufmerksamkeit
Der interessanteste Teil des Aufbaus sind die Laufräder. LEGO gibt zudem an, dass dieses Set einen neuen Reifen, eine segmentierte Felge und spezielle Speichenelemente einführt. Und hier ausnahmsweise ohne sarkastische Übertreibung: Das Einsetzen der Speichen ist entscheidend.
Man muss auf die Richtung achten, methodisch bleiben, die Ausrichtung prüfen. Wenn man diesen Teil schlampig erledigt, droht der Seitenschlag realistischer zu werden als geplant. Es gibt Carbon-Laufräder, die beim ersten Auszentrieren weniger anspruchsvoll sind, aber sie kommen in der Regel nicht in nummerierten Tütchen.
Auch die Reifen müssen korrekt ausgerichtet werden. Ähnlich wie beim Continental GP5000 wird die Laufrichtung zu einem absolut entscheidenden Thema für den Rollwiderstand, wenn man einen Massensprint auf Laminatboden plant. Große technische Einschränkung hingegen: keine Tubeless-Kompatibilität. Puristen können unseren Guide zum Montieren von Tubeless-Reifen auf einem Rennrad oder Gravelbike nachlesen und danach leise über die LEGO-Reifen weinen.
Funktionsfähiger Antrieb, aber brachiale Übersetzung
LEGO bietet einen funktionsfähigen Antrieb mit Kurbelgarnitur, Kette, Freilaufmechanismus und Rücklaufsperre. In der Praxis funktioniert das: Man kann die Kurbeln bewegen, das Hinterrad antreiben und sich an einer kleinen, durchaus befriedigenden Mechanik erfreuen.
Die technische Wahl lässt einen trotzdem stutzen. Vorn ein großes Kettenblatt, eine silberne Kette, hinten ein funktionales System, insgesamt wirkt es aber vor allem wie ein Aufbau Singlespeed für starke Oberschenkel. LEGO spricht von realistischen Details mit Schaltwerk-Elementen, aber die Funktionsweise bleibt natürlich stark vereinfacht.
Kleiner wichtiger Punkt: Mit der in der Anleitung empfohlenen Anzahl an Kettengliedern war meine Kette zu lang. Ich habe drei Glieder entfernt, um eine korrekte Spannung zu erhalten. Nicht dramatisch, aber genau die Art Detail, die den finalen Eindruck verändert. Eine durchhängende Kette an einem Ausstellungsrad geht gar nicht. Selbst aus Plastik.
Bremsen, Lenkung, Cockpit: LEGO hat sich echte Fahrräder angesehen
Die Scheibenbremsen sind gut dargestellt, mit Bremssätteln und Hebeln, die sich betätigen lassen. Es ist natürlich kein bissiger Druckpunkt. Selbst auf nasser Straße wird das Set wohl kaum in einem Sicherheitsvergleich landen. Aber die Intention ist da.
Das einteilige Cockpit verleiht dem Rad einen modernen Look. Die Position erinnert eher an ein Endurance-Rennrad als an eine extreme Aero-Maschine: eher kurzer Vorbau, Vorbau ohne aggressiven Negativwinkel, insgesamt ein recht zahmes Cockpit.
Die Lenkung funktioniert, hat aber einen Anschlag. Das ist gut gedacht, damit der Lenker nicht gegen das Oberrohr schlägt. Wenn man allerdings mit einer imaginären Figur so tut, als würde man einen Pass abfahren, begrenzt das die engen Linien etwas. Ganz zu schweigen davon, wenn man das Rad im Kofferraum verstauen möchte.
Ein langer, schmaler und sehr sportlicher Sattel
Der Sattel verdient einen eigenen Absatz. Er ist schmal, langgezogen, geneigt und mit einer Nase, die viel Ambition vermuten lässt. Wer an moderne Kurzsättel gewöhnt ist, wird ihn wohl schnell ersetzen wollen. Leider ist der Nachrüstmarkt für LEGO mit ovalen Sattelstreben noch überschaubar.
Amüsantes Detail: Die Anleitung zeigt, dass LEGO-Minifiguren-Hockeyschläger verwendet werden, um die Sattelstreben zu formen. Genau das liebe ich an solchen Sets: Ein Teil aus einem völlig anderen Universum findet plötzlich eine glaubwürdige Rolle an einem Rennrad.
Das abnehmbare Rücklicht, in die Sattelstütze integriert, setzt einen Sicherheitsakzent. Sichtbarkeit ist kein Spaß, selbst wenn die Maximalgeschwindigkeit von der Kraft deines Zeigefingers an einer Kurbel abhängt.
Die kleinen Details, die zum Schmunzeln bringen
Das Rad hat eine abnehmbare Trinkflasche, Pedale, eine silberne Metallkette, Gummireifen, einen hinteren Ständer, der das Drehen des Rads erlaubt, und sogar den Versuch eines Lenkerbands. Oder sagen wir: eine LEGO-Interpretation des Lenkerbands. Eine Komfortlösung für die Hände, von keinem Bikefitter abgesegnet, aber optisch gelungen.
Das Set strotzt zudem vor köstlichen Teile-Wiederverwendungen. LEGO erklärt zum Beispiel, dass ein für NINJAGO-Drachenhörner geschaffenes Element hervorragend als Straßenlenker funktioniert. Ein Teil aus einem Space-Police-Raketenwerfer wird zum Bremssattel. Und ein Technic-Getriebewähler landet auf der Trinkflasche. Das moderne Fahrrad ist wirklich zu einer komplexen Baugruppe geworden.
Hier ist das Set am stärksten: Es spricht Radfahrer an, ohne zum Mini-Datenblatt zu werden. Man erkennt aktuelle Entscheidungen, schmunzelt über die Ungenauigkeiten und sieht, dass das Thema nicht im Vorbeigehen behandelt wurde.
Der ultimative Realismus: Es fehlten Teile
LEGO hat die Immersion sehr weit getrieben. Wie bei manchen Fahrradmarken fehlten Teile in der Box. In meinem Fall: ein kleines Loch, das im Oberrohr sichtbar blieb, und eine Abschlusskappe, die auf der linken Kurbelseite fehlte.
Nichts Dramatisches. LEGO hat einen Service für fehlende Teile, und das Objekt ist trotzdem bestens vorzeigbar. Aber es sei erwähnt: der Realismus der Fahrradindustrie ist vollständig. Sogar die Erfahrung „fast fertig aufgebaut, aber noch nicht ganz“ wurde sorgfältig reproduziert.
Für wen ergibt dieses LEGO-Rennrad wirklich Sinn?
Dieses LEGO Icons Le vélo de route ist kein klassisches Kinderspielzeug. Es ist ein Ausstellungs-Set für leidenschaftliche Erwachsene, mit genügend Technik für einen angenehmen Aufbau und genügend Anspielungen, um Radfahrern zu gefallen.
Man muss das Objekt mögen. Und man muss sein stattliches Format und den Preis akzeptieren. Für 119,99 € kauft man nicht nur ein paar rote und schwarze Steine, sondern eine kleine kreative Auszeit, ein Deko-Objekt und einen ziemlich guten Vorwand, wieder in LEGO einzutauchen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Ich hatte großen Spaß beim Aufbau, trotz kleiner Schwächen, der zu kürzenden Kette und fehlender Teile. Vielleicht, weil LEGO meine Kindheit begleitet hat. Vielleicht auch, weil ein Fahrrad, selbst aus Steinen, ein Fahrrad bleibt: eine Summe aus Details, technischen Entscheidungen, Kompromissen und Projektionen.
Dieses Set ersetzt keine lange Ausfahrt, gewinnt keinen Sprint und wird niemals tubeless laufen. Aber auf dem Schreibtisch erinnert es an etwas sehr Einfaches: Man kann das Fahrrad sehr ernst nehmen, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen.